East Africa Art Biennale Kigali, Ruanda, 2018

Seit Gründung der Biennale im Jahr 2003 fand die Ausstellung in Tansania statt. Es ist das erste Mal, dass die Ausstellung durch fünf afrikanische Länder reiste, wobei der umfangreichste Teil in Dar es Salaam an drei verschiedenen Orten stattfand. Mich hat besonders das Engagement der Organisatoren beeindruckt. Die Ausstellung wurde monatelang vorbereitet, man hat um Sponsoren geworben, Veranstaltungsorte mussten gefunden werden, man brauchte Kontaktpersonen zur Vorbereitung in den einzelnen Ländern und einen Fahrer mit Transporter, der die Kunstwerke ohne Zollprobleme über die Landesgrenzen schaffte. Kiagho Kilonzo und sein Mitarbeiter sind mit öffentlichen Bussen tausende Kilometer durch Ostafrika gereist, um die Ausstellung zu ermöglichen. Das besondere an der Biennale ist, dass es eine Ausstellung für die regionalen Künstler vor Ort ist.

Eine Reise in das Land der tausend Hügel

Mein Beitrag zur East Africa Art Biennale waren Zeichnungen, die nach einer Reise in den Süden Tansanias entstanden sind. Die Serie "Along the New Road" ist eine Sammlung typischer Gebäude Ostafrikas, die man häufig in ländlichen Regionen findet. Zu diesen Regionen zählt auch das Gebiet, in dem die modernisierte Straße von Dar es Salaam nach Moçambique nach langer Bauzeit endlich fertig wird. Noch 2015 gab es an dem Grenzfluß Ruvuma nur eine kleine Fähre zum übersetzen auf der maximal ein Lkw Platz fand. Die Straße weckt Hoffnungen, dass innerafrikanischer Handel in verstärktem Maße möglich wird. Es bieten sich neue Chancen. Der wirtschaftliche Aufschwung hat allerdings eine Kehrseite. Oftmals wohnen die Menschen jetzt in ihren kleinen Hütten oder Häusern direkt an der Straße. Einen Umzug können sie sich nicht leisten. Die Erschütterungen, verursacht durch die schweren Lastwagen, beschädigen die einfach gebauten Häuser. Die Zeichnungen thematisieren den Wandel Afrikas. So wie z.B. in Dar es Salaam die alten, oft sehr schönen Bauten aus der Kolonialzeit neuen Hochhäusern weichen müssen, so verschwinden auch auf dem Land Stück für Stück die Bauwerke, die das Land prägten.

Auch in Ruanda habe ich besondere Bauwerke finden können. Mich beeindruckten immer wieder die Geschäfte entlang der Straßen mit ihren auf Säulen gestützten Dächern. Die zur Luftzirkulation und Wärmedämmung mit Lüftungsschlitzen versehenen Dächer wirken oftmals wie ein zweites Stockwerk. An älteren Gebäuden entdeckt man Verzierungen, man findet Säulenvariationen, unterschiedliche Kapitelle und treppenartige Dachformen, die manchmal farbig gefasst sind. Auch die Lüftungsschlitze können individuell gestaltet sein. Die Hauptstraße Butares (Huye), der Universitätsstadt Ruandas, gleicht einer Filmkulisse. Die in der belgischen Kolonialzeit, teilweise im Stil der Moderne, gebauten Geschäfte stehen oftmals leer. Auch das vor dem zweiten Weltkrieg gebaute, damals sicher größte Hotel der Stadt, das Hotel Faucon schläft einen Dornröschenschlaf.

Ich habe in Ruanda Landschaften gesehen, die mir als Maler schon lange vorschwebten und die teilweise in meinen früheren Bildern schon ansatzweise zu finden sind. Zu meinem Erstaunen erinnerte mich die Landschaft in den Tälern und an den Flüssen oftmals an asiatische Holzschnitte und Tuschezeichnungen. Die Bauern stehen im knietiefen Wasser ihrer Reisfelder und die Flüsse sind gesäumt von unzähligen Bambusbüschen. Ich bin mit öffentlichen Bussen gereist, mit dem Motorradtaxi in abgelegene Gegenden gefahren und gewandert. Ruanda ist zum größten Teil ein weites grünes Hügelland mit rechteckigen Feldern und vereinzelten Büschen und Bäumen. Das Land ist dichtbesiedelt. In ländlichen, abgelegenen Gegenden wird man meist von einer Schar neugieriger und hilfsbereiter Kinder begleitet. Wenn die Busse in Serpentinen und auf Kämmen entlangschaukeln eröffnen sich atemberaubende Ausblicke in tiefe Täler und auf terassenartig angelegte Felder, die von der Talsole bis auf die Spitze der Hügel reichen. Jedes Stück Land wird genutzt.

Im Westen des Landes, an der Grenze zum Kongo, befindet sich der Lake Kivu. Die zerpflückten Küsten und die vielen kleinen Inseln erinnern an Schärenlandschaften. Am Abend versinkt die Sonne glutrot hinter den Bergen Ostkongos. Schwer vorstellbar, dass diese Region eine der finstersten Gegenden unserer Zeit ist. Seit Jahrzehnten findet dort ein unerbittlicher Krieg um Gold, Diamanten und Koltan statt. Ich habe die Teeplantagen von Gisakura im Südwesten des Landes am Rande des Nebelwaldes Nyungwe, des einzigen noch erhaltenen Bergregenurwaldes in Zentralafrika, besucht. Obwohl ich noch nie zuvor in dieser Gegend war, waren mir die Teeplantagen fast vertraut durch die Fotografien Sebastiano Salgados. Zwischen den Teeplantagen findet man Reste des Regenwaldes in denen vereinzelt Gruppen von Affen anzutreffen sind. Am spektakulärsten erscheint die Landschaft kurz nach einem Regenschauer, wenn das Regenwasser verdunstet und Nebelschwaden aufsteigen. Wahrscheinlich könnte man Wochen dort verbringen und die Landschaft würde immer wieder ein neues Gesicht zeigen. Der Nyungwe Regenwald ist die Wasserquelle Ruandas und gleichzeitig die Wasserscheide der Region. Es entspringt dort nicht nur eine der Nilquellen, nach denen David Livingstone so lang gesucht hat, auch der Kongo hat dort seinen Ursprung. Versteckt unter den Riesenfarnen und den bis zu neunzig Meter hohen und 900 Jahre alten Mahagoni Bäumen entspringen Quellen, sprudeln Wasserfälle und winden sich kleine Flüsschen.

In Erinnerung geblieben ist mir eine Begegnung in den Hügeln nicht weit von Kibuye. Dort traf ich eine Familie. Sie wohnen in einem winzigen Hof zusammen mit zwei Rindern, Ziegen und einigen Hühnern. Der Hof ist umgeben von Feldern auf denen verschiedene Sorten von Bananen, Kartoffeln, Maniok und Bohnen wachsen. Angebaut wird im traditionellen Etagenanbau. Im Schatten der Bananenstauden ranken Bohnen an Bambusstäben empor und in der Erde gedeihen Kartoffeln und Maniok. Die Feldfrüchte durfte ich in einem köstlichen Eintopf probieren. Gegessen wurde natürlich mit den Händen.

Einige Kilometer von Gisenyi entfernt, im Norden des Kivu Sees an der Grenze zum Kongo, liegt die kleine Ortschaft Nyundo. Dort befindet sich die einzige Kunstschule des Landes. Die Schule wurde in den fünfziger Jahren von belgischen Priestern gegründet und wurde nach der Unabhängigkeit verstaatlicht. Es wird Malerei, Grafik, Keramik und Bildhauerei unterrichtet. Bis vor kurzem gab es noch ein Musik Department, welches sich jetzt aber in Muhanga befindet. Die Schule hat ein großzügiges Schulgelände auf dem die Studenten wohnen. Wenn man die umliegenden Hügel besteigt, so hat man bei klarem Wetter eine wunderbare Aussicht auf die beiden im Kongo gelegenen Vulkane Nyamuragira und Nyiragongo des Virunga Nationalparks.

Ich habe in dem kurzen Bericht besonders die Eindrücke erwähnt, die Einfluss auf meine Arbeit haben werden. Nach den Tansania Bildern werden in den nächsten Monaten und Jahren Gemälde und Zeichnungen entstehen, die von meiner Reise nach Ruanda erzählen. Die Ausstellungsförderung des ifa war für mich nicht nur eine Möglichkeit an der Ausstellung teilzunehmen, sondern sie war auch eine substantielle Förderung meiner künstlerischen Arbeit.

Klaus Hartmann, Berlin, März 2018

Der Aufenthalt in Ruanda wurde unterstützt durch eine Ausstellungsförderung des Instituts für Auslandsbeziehungen. Die Biennale war zu sehen in Tansania, Kenia, Uganda, Ruanda und Burundi. © Klaus Hartmann, ifa Institut